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Phänomen Rosalía: Vom "Berghain" bis zum Olymp mit Album "Lux"

May 30, 2026  Twila Rosenbaum  4 views
Phänomen Rosalía: Vom "Berghain" bis zum Olymp mit Album "Lux"

Die 33-jährige spanische Sängerin Rosalía ist derzeit mit ihrem aktuellen Album 'Lux' auf Tour und begeistert Fans weltweit. Der Hit 'Berghain' hat sich zu einer Hymne entwickelt, die die Grenzen zwischen Pop, Klassik und Avantgarde verschwimmen lässt. Nach zwei Konzerten in Deutschland – in der Berliner Uber Arena und der Kölner Lanxess Arena – überschlagen sich die sozialen Medien mit begeisterten Posts. Viele Fans sprechen vom 'besten Konzert ihres Lebens'. Was macht diesen Hype aus? Eine Analyse von Rosalías musikalischer Revolution.

Der Aufstieg einer Ausnahmekünstlerin

Rosalía Vila Tobella, geboren 1992 in Sant Esteve Sesrovires bei Barcelona, begann ihre Karriere im Flamenco. Bereits ihr zweites Album 'El Mal Querer' (2018) katapultierte sie in die internationale Spitze – eine fesselnde Mischung aus traditionellem Flamenco und modernem Pop. Dafür erhielt sie einen Latin Grammy und machte die Welt auf ihr Talent aufmerksam. Mit dem Nachfolger 'Motomami' (2022) experimentierte sie weiter: Reggaeton, R&B, experimentelle Klänge – jeder Schritt war mutig und überraschte Kritiker und Fans gleichermaßen. 'Lux' setzt diesen Trend fort und geht noch weiter: Es ist ihr bislang orchestralstes und ambitioniertestes Werk.

Drei Jahre Arbeit stecken in 'Lux'. Rosalía selbst bezeichnet es als 'komplett anders' als alles, was sie zuvor gemacht habe. In einem seltenen Interview mit dem 'Popcast' der New York Times erklärte sie: 'Ich habe drei Jahre lang an diesem Musikprojekt gearbeitet. Es hat mir fast Angst gemacht, etwas Neues auszuprobieren. Ich bin wirklich ins kalte Wasser gesprungen.' Diese Angst treibt sie an – und das Ergebnis spricht für sich.

'Berghain': Avantgardistischer Pop trifft auf Klassik

Die Leadsingle 'Berghain' ist ein geradezu sakrales Stück. Wuchtige barocke Streicher, eingespielt vom London Symphony Orchestra, erinnern an Vivaldis Winter aus den 'Vier Jahreszeiten'. Ein Chor untermalt den Gesang, gefolgt von Rosalías opernartigen Tönen. Zusätzlich sind die Stimmen der isländischen Avantgarde-Ikone Björk und des Experimentalkünstlers Yves Tumor zu hören. 'Berghain' konfrontiert die Hörer mit einem Stilmix, der seinesgleichen sucht. Es ist ein Spiel mit großen Emotionen, mit Pathos und Ironie zugleich – genau das, was den Reiz von Rosalías aktueller Musik ausmacht.

Chefdramaturg Kornelius Paede vom Staatstheater Kassel hebt hervor: 'Es ist ein wahnsinnig virtuoses Spiel mit verschiedenen Bezugnahmen, die einerseits aus der Popkultur kommen und vor allem auch damit einen bestimmten ironischen, campy Umgang finden. Auf der anderen Seite gibt es ein Spiel mit musikalischen Formen, die an ein großes Pathos, an große Formen und an große Emotionen erinnern.' Diese Expressivität, so Paede, sei im Mainstream-Pop selten anzutreffen.

Ein Album voller Drama und Spiritualität

'Lux' ist thematisch dicht: Es geht um das Göttlich-Weibliche, um Glauben und die Grausamkeiten der Liebe. Im Musikvideo zu 'Berghain' hängt Rosalía am EKG, ihr gebrochenes Herz wird behandelt – mehr Drama geht kaum. Und doch wirkt es nie kitschig, sondern immer durchdacht. Das Album ist ein Popwaltzer, eine Mischung aus Flamenco mit Orchesterbegleitung und orchestralen HipHop-Basslines. Daria Challah, Creator in Residence an der Hamburger Elbphilharmonie, ist überzeugt: 'Dieser Sound wird der Klassik neuen Aufwind geben.'

Tatsächlich baut Rosalía Brücken zwischen Pop- und Hochkultur, ähnlich wie Beyoncé es mit Country-Musik tat. Klassische Konzerthäuser könnten sich auf einen Ansturm freuen – Rosalía goes Opera? Durchaus denkbar. Die Verschmelzung von orchestralen Elementen mit zeitgenössischem Pop hat das Potenzial, ein neues Publikum für klassische Musik zu begeistern.

Sprachen als künstlerisches Werkzeug

Ein Alleinstellungsmerkmal von 'Lux' ist die Mehrsprachigkeit. Rosalía singt in dreizehn verschiedenen Sprachen, darunter Spanisch, Englisch, Deutsch, Ukrainisch und Italienisch. Sie morpht nahtlos von einer in die andere und schafft so eine universelle Sprache, die jeden anspricht – selbst wenn man die Texte nicht versteht. 'Mir ging es viel darum zu begreifen, wie andere Sprachen funktionieren. Da ging es viel um Intuition, darum, einfach drauflos zu schreiben und zu schauen, wie das dann in einer anderen Sprache klingt', erklärt sie. Dieses sprachliche Experiment ist nicht nur künstlerisch wertvoll, sondern auch ein starkes Statement in einer globalisierten Welt.

Konzerterlebnis der Superlative

Die Live-Shows von Rosalía sind legendär. In der Berliner Uber Arena und der Kölner Lanxess Arena zeigte sie eine Show, die Rave-Arien mit Ballett zu Techno verband. Fans berichten von einer spektakulären Inszenierung, die weit über ein normales Popkonzert hinausgeht. Eine zentrale Figur dabei ist die Dirigentin Yudania Gómez Heredia, die der Sängerin fast die Show stiehlt. Die Zusammenarbeit zwischen Sängerin und Dirigentin unterstreicht den orchestralen Anspruch von 'Lux'. Kritiker loben die Präzision und die Energie der Darbietungen – ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Rosalía selbst betont immer wieder, dass sie sich ständig weiterentwickelt. Keines ihrer bisherigen Alben gleicht dem anderen. 'Alles ist doch in Bewegung, ich verändere mich ständig. Warum sollte sich also mein Sound nicht mit mir verändern? Es macht gar keinen Sinn, bei dem stehen zu bleiben, was ich vorher gemacht habe', sagt sie. Diese Haltung macht sie zu einer der spannendsten Künstlerinnen unserer Zeit.

Kritische Stimmen und die Rolle des Pathos

Trotz des überwältigenden Erfolgs gibt es auch kritische Töne. Manche Rezensenten finden, dass 'Lux' etwas weniger Pathos und mehr Zurückhaltung vertragen hätte. Die fiesen HipHop-Basslines gepaart mit orchestralem Brimborium seien mitunter überladen. 'Etwas weniger Pathos, dafür mehr Zurückhaltung hätten Rosalías neuem Album gut getan. Das wäre dann aber vermutlich nicht massentauglich genug gewesen', lautet ein typischer Einwand. Rosalía selbst scheint dieser Kritik gelassen zu begegnen – ihr künstlerischer Anspruch geht über Massentauglichkeit hinaus. Sie will provozieren, Grenzen sprengen und die Hörer herausfordern.

Diese Mischung aus Hochkultur und Pop ist nicht neu, aber Rosalía gelingt es wie kaum einer anderen, beides authentisch zu vereinen. Ähnlich wie Billie Eilish oder Tori Amos bedient sie sich einer intensiven, persönlichen Ausdrucksform. Während Eilish oft mit reduzierten Arrangements arbeitet, setzt Rosalía bewusst auf das große Ganze. Ihr Album 'Lux' ist ein Statement: Pop kann mehr sein als drei Minuten Eingängigkeit – er kann Oper, Klassik und Avantgarde sein.

Fazit: Ein Phänomen mit Zukunft

Rosalía hat mit 'Lux' ein Album geschaffen, das die Musikwelt in Atem hält. Ihr Mut, sich ständig neu zu erfinden, und ihre Fähigkeit, unterschiedlichste Stile und Sprachen zu vereinen, machen sie zu einer Ausnahmeerscheinung. Die Konzerte sind nur der sichtbare Teil eines Phänomens, das weit über die Bühne hinausreicht. 'Lux' wird als Meilenstein in die Popgeschichte eingehen – als ein Album, das die Grenzen des Genres sprengte und eine Brücke zur Klassik schlug. Rosalía hat ihren Weg vom 'Berghain' bis zum Olymp der Musik gefunden.


Source: ndr.de News


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