Ganz Indien trauert um Ratan Tata, den Gentleman-Unternehmer. Premierminister Narendra Modi würdigte ihn als visionären Wirtschaftsführer und außergewöhnlichen Menschen. Der 86-Jährige starb am Mittwoch in einem Krankenhaus im Süden Mumbais, wo er wegen seines Alters behandelt wurde. Tausende Menschen pilgerten zu seinem Wohnsitz, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sein Tod markiert das Ende einer Ära für die indische Wirtschaft, die er über fünf Jahrzehnte hinweg maßgeblich mitgeprägt hat.
Frühes Leben und Ausbildung
Ratan Naval Tata wurde am 28. Dezember 1937 in Mumbai geboren. Seine Familie entstammte der einflussreichen Parsen-Gemeinschaft, die seit Generationen eine wichtige Rolle im indischen Wirtschaftsleben spielt. Sein Urgroßvater Jamsetji Tata hatte 1868 die Tata-Gruppe gegründet, die zu den ältesten und angesehensten Konglomeraten Indiens zählt. Nach der Scheidung seiner Eltern wuchs Ratan bei seiner Großmutter auf. Er besuchte angesehene Schulen wie die Campion School und die Cathedral and John Connon School in Mumbai. Später schickte ihn seine Familie nach New York, wo er an der Cornell University Architektur und Bauingenieurwesen studierte. Sein Studium schloss er 1962 mit einem Bachelor ab. Diese architektonische Ausbildung prägte sein späteres Denken: Er entwickelte ein besonderes Gespür für Ästhetik, Funktionalität und soziale Verantwortung – Werte, die er zeitlebens in seine Geschäftsentscheidungen einfließen ließ.
Der Aufstieg im Familienkonzern
Nach dem Studium kehrte Ratan Tata nach Indien zurück und begann seine Karriere 1962 in den Tata-Unternehmen. Er arbeitete zunächst bei Tata Steel, dem Flaggschiff des Konzerns, und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Abteilungen. Seine Anfänge waren alles andere als glamourös: Er schuftete in den Stahlwerken von Jamshedpur an vorderster Front, lernte die Arbeiter und ihre Probleme kennen. Dieses Basiswissen half ihm später, die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen. In den 1970er-Jahren übernahm er schwierige Aufgaben, etwa die Sanierung der angeschlagenen Tata-Gesellschaft Nelco (Elektronik) und von Empress Mills, einer Textilfabrik. Obwohl letztere scheiterte und geschlossen werden musste, lernte er aus dem Misserfolg. 1991, als J.R.D. Tata die Führung abgab, wurde Ratan Tata zum Vorsitzenden der gesamten Tata-Gruppe ernannt. Zu dieser Zeit stand der Konzern vor großen Herausforderungen: Die indische Wirtschaft öffnete sich nach dem Ende der sozialistischen Politik, und ausländische Wettbewerber drängten auf den Markt.
Die Ära der Expansion und Modernisierung
Ratan Tata nutzte die Liberalisierung als Chance, den bislang eher konservativen Konzern zu globalisieren. Er verfolgte eine aggressive Wachstumsstrategie mit zahlreichen Übernahmen, die das Unternehmen zu einem weltweit agierenden Mischkonzern machten. Eines seiner ersten großen Projekte war die Übernahme des Teeproduzenten Tetley im Jahr 2000. Für rund 450 Millionen Dollar kaufte Tata Tea die britische Marke – die bis dahin größte Übernahme eines indischen Unternehmens. Dieser Schritt öffnete dem Konzern die Türen zu den globalen Teemärkten. Weitere Akquisitionen folgten: 2004 erwarb Tata Motors den südkoreanischen Nutzfahrzeughersteller Daewoo Commercial Vehicles, und 2007 die britischen Edelmarken Jaguar und Land Rover von Ford für 2,3 Milliarden Dollar. Letzteres war ein kühner Coup, der anfangs als riskant galt, aber später riesige Gewinne abwarf. Unter Ratan Tatas Führung wuchs der Konzern rasant: Die Zahl der Unternehmen stieg auf über 100, die Einnahmen vervielfachten sich, und die internationale Präsenz reichte von Software (Tata Consultancy Services) über Stahl bis zu Hotels (Taj Hotels). Die Tata-Gruppe wurde zum Synonym für Zuverlässigkeit und ethisches Wirtschaften in Indien.
Das Nano-Desaster
Nicht alles, was Ratan Tata anpackte, war von Erfolg gekrönt. Sein ambitioniertestes Projekt, der Tata Nano, sollte ein Symbol für den Fortschritt und die soziale Verantwortung des Konzerns werden. Tata träumte von einem Kleinwagen für umgerechnet 2.500 Euro, der Millionen von indischen Familien, die bis dahin nur Motorroller fuhren, ein sicheres und erschwingliches Fortbewegungsmittel bieten sollte. Im Jahr 2009 kam der Nano auf den Markt. Doch das Auto hatte mit Problemen zu kämpfen: Es gab einige Brände, die das Vertrauen erschütterten, und vor allem fehlte den Menschen das Prestige, einen Nano zu fahren – viele empfanden ihn als „Armutsauto“. Der Verkaufserfolg blieb aus, und die Produktion wurde 2018 eingestellt. Trotz des kommerziellen Scheiterns zeigt der Nano, wie sehr Ratan Tata von einem sozialen Unternehmertum durchdrungen war: Er wollte nicht nur Gewinne erzielen, sondern auch die Lebensqualität der Massen verbessern.
Philanthropie und soziales Engagement
Ratan Tata war nicht nur ein brillanter Geschäftsmann, sondern auch ein leidenschaftlicher Philanthrop. Die Tata-Gruppe gehört zu zwei Dritteln der Tata Trusts, einer Reihe von wohltätigen Stiftungen, die von der Familie Tata gegründet wurden. Als Vorsitzender dieser Trusts leitete Ratan Tata Milliarden von Dollar in Bildungs-, Gesundheits- und Umweltprojekte. Er finanzierte Stipendien, baute Krankenhäuser und unterstützte soziale Initiativen in ganz Indien. Besonders am Herzen lag ihm das Tata Institute of Social Sciences und das Indian Institute of Technology. Auch nach seinem Rückzug aus der operativen Leitung des Konzerns 2012 blieb er der Stiftung als Ehrenvorsitzender verbunden. Sein Engagement wurde auch international anerkannt: 2000 verlieh ihm die indische Regierung den Padma Bhushan, einen der höchsten zivilen Orden des Landes. Er selbst lebte bescheiden und verzichtete auf Luxus – er fuhr oft selbst, aß mit einfachen Arbeitern und kannte viele seiner Angestellten mit Namen.
Investitionen in Start-ups und persönliche Projekte
Nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der Tata-Gruppe blieb Ratan Tata aktiv, indem er in junge Unternehmen investierte. Er finanzierte Start-ups wie Ola, Paytm, Urban Ladder, Snapdeal und Lenskart und half so, die indische Start-up-Szene zu beflügeln. Seine Investitionen waren oft von der Idee getrieben, Innovation zu fördern und den Zugang zu Technologie und Dienstleistungen zu verbessern. Daneben widmete er sich seinem letzten großen Herzensprojekt: einem hochmodernen Tierspital im Süden Mumbais. Das Bauprojekt, das er noch vor seinem Tod vollenden konnte, zeigt seine Liebe zu Tieren. Ratan Tata war bekannt dafür, dass er sich immer für das Wohlergehen von Hunden eingesetzt hatte – sowohl auf den Werksgeländen als auch in der Stadt. Das Tierspital soll künftig kostenlose Behandlungen für herrenlose und bedürftige Tiere anbieten.
Vermächtnis und nationale Trauer
Ratan Tatas Einfluss auf die indische Wirtschaft kann nicht überschätzt werden. Er war mehr als nur der Chef eines Konzerns: Er verkörperte Integrität, Demut und soziale Verantwortung in einem Land, wo die Elite oft nur an sich denkt. Sein Tod löste in ganz Indien tiefe Trauer aus. Premierminister Modi, Präsidentin Murmu, Wirtschaftsführer und Prominente würdigten ihn überschwänglich. „Er war ein Titan der indischen Industrie und ein wahrer Humanist“, erklärte der Tech-Unternehmer Harsh Goenka. Die Aktien der Tata-Unternehmen legten nach Bekanntwerden seines Todes zu, ein Zeichen des Respekts. Ratan Tata blieb unverheiratet und hinterlässt keine Kinder. Sein Nachfolger im Konzern ist der 1965 geborene Natarajan Chandrasekaran, der seit 2017 als Vorstandsvorsitzender amtiert. Das Erbe von Ratan Tata wird jedoch in den Wohltätigkeitsprojekten, den Arbeitsplätzen für über eine Million Menschen und dem guten Ruf der Marke Tata weiterleben.