Andrew Tate posiert gerne mit schnellen Autos, dicken Zigarren und provoziert durch frauenverachtende Aussagen. Viele Menschen stößt das ab. Aber für seinen Lifestyle gibt es für den Influencer gerade von jungen Männern auch Applaus. In Großbritannien offenbar so viel, dass einige Schulen koordiniert dagegen angehen. In der Schweiz ist das Phänomen noch nicht flächendeckend präsent, doch Lehrer beobachten bereits, dass der Name unter Schülern bekannt ist.
Wer ist Andrew Tate?
Andrew Tate, geboren 1986 in Washington, D.C., wuchs in England auf. Seine Karriere begann als Kickboxer: Er gewann mehrere Weltmeistertitel in verschiedenen Verbänden, darunter die ISKA (International Sport Kickboxing Association). Nach dem Sport startete er eine Karriere als Selfmade-Unternehmer im Internet. Er verkaufte Online-Kurse und -Dienstleistungen, die ihm ein Millioneneinkommen einbrachten. Tate lebt einen demonstrativ luxuriösen Lifestyle, den er auf Plattformen wie Instagram, YouTube und TikTok zur Schau stellt – mit schnellen Autos, Yachten, Privatjets und teuren Hotels.
Sein Aufstieg in den sozialen Medien begann allerdings nicht erst in den letzten Jahren. Bereits 2016 erregte er Aufmerksamkeit mit provokativen Aussagen über Frauen, Geschlechterrollen und die westliche Gesellschaft. Er wurde mehrfach von Plattformen wie Twitter, Facebook und Instagram gesperrt – unter anderem wegen Hassrede, sexistischer Äußerungen und der Verbreitung von Falschinformationen. Dennoch wuchs seine Fangemeinde stetig. Im Jahr 2022 war er einer der meistgesuchten Begriffe auf Google, was zeigt, wie sehr er polarisiert und die Öffentlichkeit beschäftigt.
Die Kontroversen um Andrew Tate
Andrew Tate äußert sich regelmäßig abwertend über Frauen. So sagte er etwa, dass Frauen „dem Mann gehören“ und dass sie für ihre Sexualität verantwortlich seien, wenn sie vergewaltigt würden. Er vertritt ein rückwärtsgewandtes Männerbild, das auf Dominanz und Unterwerfung beruht. Zudem verbreitet er rassistische und homophobe Stereotype. Diese Äußerungen haben ihm nicht nur Kritik von Frauenorganisationen und Politikerinnen eingebracht, sondern auch zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Einfluss solcher Influencer geführt.
Besonders problematisch sind die Vorwürfe in Rumänien, wo Tate seit Ende Dezember 2022 in Untersuchungshaft sitzt. Zusammen mit seinem Bruder Tristan soll er mehrere Frauen nach Rumänien gelockt, ihnen Beziehungen vorgegaukelt und sie dann zur Prostitution gezwungen haben. Die rumänische Antikorruptionsbehörde DIICOT wirft den Brüdern unter anderem Menschenhandel, Vergewaltigung und Bildung einer kriminellen Vereinigung vor. Bisher wurde keine Anklage erhoben, aber die Ermittlungen laufen. Der Fall sorgt international für Schlagzeilen und hat die Diskussion über die Macht von Influencern und die Gefahren von Online-Propaganda neu entfacht.
Warum fasziniert Andrew Tate junge Männer?
Die Faszination, die Andrew Tate auf viele junge Männer ausübt, ist vielschichtig. Einerseits bietet er eine scheinbar klare Antwort auf die Verunsicherung, die viele Jugendliche in einer sich wandelnden Geschlechterordnung empfinden. Wo traditionelle Männlichkeitsbilder an Gültigkeit verlieren, propagiert Tate ein simples Weltbild: Männer sind stark, dominant und erfolgreich; Frauen sind schwach und abhängig. Dieses Bild spricht vor allem diejenigen an, die das Gefühl haben, in der modernen Gesellschaft zu kurz zu kommen.
Hinzu kommt Tates Selbstbewusstsein und seine Kaltschnäuzigkeit. Er sagt, was er denkt, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit. Diese direkte Art imponiert vielen Teenagern, wie der Berner Oberstufenlehrer Daniel Gebauer beobachtet: „Sie finden es cool, dass jemand so klar Stellung bezieht – auch wenn sie die Inhalte ablehnen.“ Der Reiz des Verbotenen spielt eine große Rolle: Was gesellschaftlich geächtet ist, wirkt besonders anziehend. Tates Sperrungen auf Plattformen machen ihn erst recht zum Helden derjenigen, die sich von der „Cancel-Culture“ bedroht fühlen.
Die Rolle der Sozialen Medien
Social Media verstärkt das Phänomen. Algorithmen belohnen extreme Inhalte, weil sie hohe Interaktionsraten erzeugen. Tates provokative Posts werden millionenfach geteilt, kommentiert und geliked. Dadurch erreicht er ein Publikum, das weit über seine Kernanhänger hinausgeht. Besonders auf TikTok verbreiten sich Ausschnitte seiner Videos rasant – auch weil sie oft aus dem Zusammenhang gerissen werden. Viele Jugendliche kennen daher nur die glitzernde Fassade, nicht aber die frauenverachtende Botschaft dahinter.
Lehrer wie Gebauer versuchen gegenzusteuern. Sie thematisieren Tate im Unterricht, sprechen über seine Aussagen und hinterfragen das dahinterstehende Frauenbild. Allerdings ist das nicht immer einfach: „Die Jugendlichen wissen, dass er umstritten ist. Sie kennen die Vorwürfe und die öffentliche Meinung. Aber sie können durchaus unterscheiden zwischen seiner Person und seinen Handlungen“, sagt Gebauer. Die meisten Schüler fänden die frauenverachtenden Sprüche daneben, aber das mache den Influencer nicht weniger interessant.
Andrew Tate an Schweizer Schulen
Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) hat bisher keine speziellen Aufklärungskampagnen zu Andrew Tate in der Schweiz gestartet. Man würde aber tätig werden, wenn der Einfluss des Influencers zum Problem würde, heißt es vom Verband. Bislang seien die Meldungen aus den Schulen nicht alarmierend. Dennoch zeigt eine Umfrage unter einigen Lehrpersonen, dass das Thema durchaus präsent ist. „Auf die Frage, wer schon mal von Andrew Tate gehört habe, gingen gleich die Hände hoch. Sicher bei der Hälfte der Schüler“, berichtet Gebauer. Er unterrichtet seit 20 Jahren Oberstufenklassen im Kanton Bern und staunte nicht schlecht über das hohe Bekanntheitslevel.
Dass die Jugendlichen Tates Aussagen nicht unkritisch übernehmen, hofft Gebauer. Aber er warnt davor, die Gefahr zu unterschätzen: „Wenn wir nicht mit ihnen darüber sprechen, holen sie sich ihre Informationen anderswo. Dann entsteht ein Vakuum, das Influencer wie Tate füllen.“ Deshalb plädiert er dafür, Tate nicht einfach zu sperren, sondern im Unterricht zu behandeln. „Wir müssen uns mehr Mühe geben, die Jugendlichen zu verstehen, und nicht gleich abwerten, was sie interessiert.“
Das Ringen um ein neues Männlichkeitsbild
Die Auseinandersetzung mit Andrew Tate ist letztlich ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung. Die traditionelle Männerrolle – der Ernährer, der Beschützer, der starke, emotionale Schweiger – ist brüchig geworden. Gleichzeitig gibt es noch kein klares neues Ideal, das an ihre Stelle getreten ist. Junge Männer befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen alten Erwartungen und neuen Werten wie Gleichberechtigung, Verletzlichkeit und emotionaler Offenheit. Tate bietet eine vermeintliche Einfachheit, die in dieser Verunsicherung verfängt. Er verspricht, dass Männer wieder „richtige Männer“ sein dürfen – ohne die Bürde politischer Korrektheit.
Diese Sehnsucht nach Klarheit ist nicht neu. Schon in den 1990er-Jahren gab es die „Männerbewegung“ mit Autoren wie Robert Bly, die eine Rückbesinnung auf archaische Männlichkeitsrituale propagierten. Heute wird dieses Bedürfnis von Social-Media-Figuren wie Tate, aber auch von Jordan Peterson oder anderen konservativen Influencern bedient. Sie alle sprechen die Ängste und Unsicherheiten junger Männer an – und bieten einfache Lösungen an. Dass Tate dabei mit Frauenhass und Gewaltfantasien hantiert, macht ihn besonders gefährlich.
Viele Lehrer sehen daher die Schule in der Pflicht. Sie müssen Räume schaffen, in denen diskutiert werden kann, ohne dass sich Jugendliche abgewertet fühlen. „Wir müssen ihnen zeigen, dass man auch ohne Frauenverachtung ein selbstbewusster Mann sein kann“, sagt Gebauer. Er plädiert für eine Männlichkeitserziehung, die nicht nur auf Defizite schaut, sondern positive Vorbilder anbietet. Vielleicht ist das der beste Weg, um Tates Einfluss zu begegnen: nicht mit Verboten, sondern mit einem ehrlichen, respektvollen Dialog.