Simone Biles, die als eine der grössten Turnerinnen aller Zeiten gilt, hatte bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 mit einem schwerwiegenden mentalen Problem zu kämpfen: den sogenannten 'Twisties'. Dabei verliert die Turnerin während der Drehungen in der Luft die Orientierung, was zu Stürzen und Unsicherheit führt. Biles zog sich nach einem missglückten Sprung im Teammehrkampf aus den meisten Wettkämpfen zurück und holte lediglich Bronze am Schwebebalken. Die einstige Überfliegerin wurde von Medien und Sozialen Medien als 'Versagerin' und 'Quitter' beschimpft. In der Netflix-Doku 'Simone Biles Rising' schildert sie ihren Leidensweg und ihren beeindruckenden Kampf zurück an die Spitze.
Die Ursachen der Krise: Mehr als nur Leistungsdruck
Die Probleme in Tokio kamen nicht über Nacht. Biles selbst gab zu, bereits vor den Spielen ein ungutes Gefühl gehabt zu haben. Der fehlende Beistand ihrer Familie, insbesondere ihrer Mutter Nellie, die erstmals bei einem Grossereignis nicht vor Ort sein konnte, sowie die Abwesenheit von Fans aufgrund der Pandemie verstärkten den Druck. Hinzu kam, dass Biles eines von 265 Opfern des verurteilten Sexualstraftäters Larry Nassar war, der als Teamarzt der US-Turnerinnen fungiert hatte. Die Verarbeitung dieses Traumas hatte sie immer aufgeschoben, doch in Tokio brach alles auf einmal hervor. Ihr Trainer Laurent Landi beschrieb es so: 'Ihr Körper machte nicht das, was ihr Kopf wollte.' Die Synchronisation zwischen Geist und Körper war gestört.
Der Weg zurück: Therapie, Familie und Teamkolleginnen
Nach den Spielen begann Biles, regelmässig einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Sie lernte, ihre Emotionen nicht länger zu unterdrücken. Besonders die Unterstützung ihrer Teamkolleginnen im Trainingszentrum half ihr, den Mut nicht aufzugeben. Oft sass sie weinend da, weil sie Angst vor dem Training hatte. Doch die jüngeren Turnerinnen baten sie, am nächsten Tag wiederzukommen. 'Ohne sie hätte ich aufgehört', gesteht Biles. Auch ihr Ehemann Jonathan Owens, selbst NFL-Profi, verstand den Druck des Spitzensports und unterstützte sie. Schritt für Schritt kämpfte sie sich zurück – zunächst mit grundlegenden Übungen, um das Gefühl für die Drehungen wiederzuerlangen. Erst anderthalb Jahre nach Tokio begann sie wieder regelmässig zu trainieren. Jeden Tag musste sie ihre inneren Dämonen bekämpfen.
Das Comeback bei der WM 2023
Bei der Weltmeisterschaft 2023 in Antwerpen feierte Biles ihr grosses Comeback. Sie verzichtete bewusst auf Medienkontakte und deaktivierte die Kommentarfunktionen in sozialen Netzwerken, um sich voll auf das Turnen zu konzentrieren. Die Strategie ging auf: Sie gewann viermal Gold und einmal Silber, wurde insgesamt 23-fache Weltmeisterin und stellte neue Massstäbe auf. Die Fachwelt war sich einig: Simone Biles, die 'Greatest of All Time', ist zurück. Sie selbst sagte dazu: 'Ich musste mir beweisen, dass ich es kann.' In der Qualifikation für Paris 2024 präsentierte sie sich in überragender Form – trotz einer leichten Wadenverletzung. In drei von vier Disziplinen war sie die Beste, ihr Vorsprung auf die Konkurrenz betrug knapp zwei Punkte. 'Mir geht es so gut, wie es könnte', verkündete sie danach.
Die Jagd nach Gold in Paris 2024
Am heutigen Dienstag (ab 18.15 Uhr) startet Biles mit dem US-Team im Teammehrkampf, der ersten Medaillenentscheidung der Turnerinnen bei diesen Olympischen Spielen. Ihr Ziel ist klar: 'Ich will mein eigenes Ende schreiben.' Nach dem Albtraum von Tokio will sie in Paris triumphieren und ihre Karriere mit einem glanzvollen Abschluss krönen. Mit 27 Jahren ist sie die älteste US-Turnerin bei Olympia seit 1952, doch ihre Leistungen sind ungebrochen. In der Doku betont sie: 'An diesem Punkt bin ich selbst meine grösste Konkurrenz.' Ihre Geschichte zeigt, dass sportliche Grösse nicht nur an Siegen gemessen wird, sondern auch an der Fähigkeit, nach schweren Rückschlägen wieder aufzustehen. Die Welt schaut gespannt auf die Arena in Paris, wo Simone Biles heute Abend ihren nächsten grossen Auftritt haben wird.
Source: watson.ch News